Museen inklusive!

Ein Interview mit Dorothee Mammel, Christiane Rolfs und Linda Wolters vom Netzwerk „Museen inklusive!“ darüber, wie Museen barrierefrei und inklusiv gestaltet werden können. www.museen-inklusive.bayern

Foto eines Bildschims vor einer Betonwand. Es ist ein Gebärdensprachvideo zu sehen. Ein Mann in schwarzem Hemd gebärdet. Der Screenshot einer Handy-App ist daneben zu sehen. Oben links ist das Logo des MiK zu sehen.
Station mit Gebärdensprache – Foto J.Kiefer ©MiK

Hallo Frau Wolters, Frau Rolfs und Frau Mammel. Vielen Dank, dass Sie auf diesem Blog meine Fragen zur Barrierefreiheit in Museen beantworten wollen. Können Sie sich bitte kurz vorstellen?

Logo des Fränkischen Freilandmuseums Fladungen

Linda Wolters:

Ich bin stv. Museumsleiterin und zuständig für Bildung und Vermittlung im Fränkischen Freilandmuseum Fladungen. Das Fränkische Freilandmuseum Fladungen lädt zu einer lebendigen Reise durch 350 Jahre ländliche Alltagsgeschichte in Unterfranken und der Rhön ein. In der nördlichsten Stadt Bayerns erleben Besucherinnen und Besucher Geschichte ganz unmittelbar – beim Entdecken originalgetreu wiederaufgebauter Häuser und Höfe.


Christiane Rolfs:

Ich bin wissenschaftliche Leitung für Kunstvermittlung und Inklusion im Museum im Kulturspeicher in Würzburg. Das Museum ist ein Kunstmuseum. Es befindet sich in einem ehemaligen über hundert Jahre alten Getreidespeicher. Wir haben zwei Sammlungen. Einmal Kunst vom 19. bis zum 21. Jahrhundert und die Konkrete Kunst, die mit zu den bedeutendsten Sammlungen dieser Kunstrichtung in Europa gehört.

Logo der Galerie Bezirk Oberbayern
Logo "Kunst inklusive!"

Dorothee Mammel:

Ich leite die Galerie Bezirk Oberbayern. Diese ist ein kleines, feines Ausstellungshaus für zeitgenössische Kunst mitten in München. Ein wesentliches Kennzeichen der Galerie Bezirk Oberbayern ist ihr inklusives Galeriekonzept, mit Kunstvermittlung für Alle und der Repräsentanz von Künstlerinnen und Künstlern mit Behinderung in den Ausstellungen, gemeinsam mit Künstlerinnen und Künstlern ohne Behinderung.

Eine Station in einem Ausstellungsraum mit tastbarem Relief des Kunstwerks "Schreitende Kairierin mit Kind von 1960".
Tastbares Relief eines Kunstwerks – Foto J.Kiefer ©MiK

Wie sind Sie persönlich zum Thema Inklusion und Barrierefreiheit in Museen gekommen? Gab es einen Moment oder eine Erfahrung, die Sie besonders geprägt hat?

L. Wolters: Ich bin durch die Arbeit selbst dazu gekommen: Unsere Gäste sind so vielfältig – jung, alt, mit und ohne Behinderung – dass ich schnell gemerkt habe: Ein Museum, das wirklich für alle offen sein will, muss aktiv dafür arbeiten. Dieser Anspruch hat mich geprägt. Inklusion ist für uns kein Zusatzangebot – sie gehört zum Kern dessen, was ein gutes Museum ausmacht.

C. Rolfs: Ich bin tatsächlich schon durch meine Studiengänge zu diesem Thema gekommen. Ich habe zum einen Kunstgeschichte, Archäologie und Romanistik auf Magister studiert, aber auch Diplompädagogik mit Schwerpunkt Sonderpädagogik. Kunstvermittlung mit Schwerpunkt Inklusion war die perfekte berufliche Kombination aus diesen beiden Studiengängen. Im Laufe der Zeit hatte ich mit unterschiedlichsten Menschen sehr viele wunderbare Erlebnisse, die mich immer wieder und immer weiter motiviert haben, mich für das Thema Inklusion im Museum einzusetzen.

D. Mammel: Noch vor der UN-BRK [= UN-Behindertenrechtskonvention] habe ich die Kulturelle Bildung und Kulturarbeit in der Stiftung Pfennigparade als zugänglich für Alle aufgebaut. Die Pfennigparade ist ein großes Zentrum für körperbehinderte Menschen in München, das während der Polio-Epidemie aus bürgerschaftlichem Engagement entstand. Die Zeit dort hat mich nachhaltig geprägt: die Selbstverständlichkeit im Miteinander vieler spannender Menschen und eine Haltung aus Selbstbewusstsein und Einsatz für Chancengleichheit. Die Arbeit in der Galerie Bezirk Oberbayern übernahm ich just zu dem Zeitpunkt, als sie den politischen Auftrag erhielt, inklusiv zu werden. Inklusion im Museumskontext anzugehen, auch auf wissenschaftlicher Ebene, und vielen unterschiedlichsten Menschen dabei zu begegnen und von ihnen zu lernen, hat mich weiter sehr geprägt. Besonders eindrücklich war die Kontaktaufnahme mit der Tauben Community über den GMU und die daraus resultierende Zusammenarbeit.

Eine Szene draußen in einem Freilandmuseum. Eine Frau in Jacke und Schal gebärdet im Eingang eines Fachwerkhauses vor einem Publikum.
Gebärdensprachführung – Foto: Sarah Gormley

Was macht für Sie persönlich ein inklusives Museum aus und gibt es ein Museum, das Sie in dieser Hinsicht besonders überzeugt hat?

D. Mammel: Inklusion ist seit 2023 Bestandteil der international anerkannten Museumsdefinition der ICOM [= International Council of Museums].
Zu einem inklusiven Museum, das diesem Anspruch gerecht werden kann, gehören meiner Erfahrung nach zwei Grundvoraussetzungen: Das Thema Inklusion muss von Beginn an eingeplant und als Querschnittsaufgabe definiert werden, sowie von ganz oben – der Leitung zusammen mit der Politik – strategisch angegangen werden. Inklusion umzusetzen, erfordert durchaus Hartnäckigkeit und einen langen Atem. Deshalb benötigt ein Museum fest angestelltes Fachpersonal, damit nicht bei Projektende oder bei Haushaltskürzungen alles vorbei ist. Offenheit und Fähigkeit zur Selbstkritik gehören dazu, sowie ein partnerschaftliches und vernetztes Arbeiten mit Selbstvertretergruppen und anderen Museen.
Es sind vor allem Museen und Ausstellungshäuser, die schon länger und konsequent für diesen Bereich arbeiten, denen Inklusion meiner Erfahrung nach überzeugend gelingt. Neben den Museen unseres Netzwerks sehe ich hier vor allem die Bundeskunsthalle in Bonn als Vorreiterin, sowie das Deutsche Museum in München und das Hygiene-Museum in Dresden.

In einer Ausstellung steht Frau Mammel in einem roten Oberteil mit weißen Punkten zwischen Aussstellungsobjekten. Zwei Personen im Rollstuhl sind neben ihr und hören ihr zu.
Inklusive Führung durch eine Ausstellung – Foto: Stiftung Pfennigparade

Warum haben Sie sich mit anderen Museen im Netzwerk „Museen inklusive!“ zusammengeschlossen? Was war die Idee dahinter?

C. Rolfs: Das Netzwerk „Museen inklusive in Bayern“ gehört zu den zehn Netzwerken des Projektes „Museen und Tourismus“. Dies wurde 2018 von der Landesstelle für die nichtstaatlichen Museen in Bayern und Bayern Tourismus ins Leben gerufen mit dem Ziel, dass Museen ihre großartigen kulturellen Inhalte auch im Freizeitsektor besser kommunizieren und vermarkten, um viel mehr Menschen zu erreichen als das übliche Kulturpublikum.

L. Wolters: In unserem Netzwerk steht daher im Vordergrund, für die einschlägigen Zielgruppen von Barrierefreiheit gemeinsam Kommunikationsstrategien und -maßnahmen zu entwickeln, um beispielsweise blinde, sehbehinderte, taube, hörgeschädigte, pflegebedürftige, mobilitäts- und kognitiv eingeschränkte Menschen und deren Angehörige erreichen zu können, über die für sie relevanten Kanäle und in ihren Sprachen. Dazu gehört natürlich auch, dass wir uns fachlich in Sachen Barrierefreiheit weiterentwickeln.

D. Mammel: Wir sind aktuell 15 Museen verschiedener Sparten in Bayern, überwiegend kleinere und mittelgroße Einrichtungen im ländlichen und städtischen Raum. Fast alle sind inzwischen zur Barrierefreiheit zertifiziert. Wichtige Netzwerk-Meilensteine waren die Entwicklung unserer gemeinsamen Website www.museen-inklusive.bayern, das Video „Münchner Museen in Deutscher Gebärdensprache“ von 2020 – der allererste Werbefilm in Deutscher Gebärdensprache, der im bayerischen Tourismus überhaupt produziert wurde, unser Advertising mit der Bayern Tourismus in ihrer Publikation zur Barrierefreiheit, ein DGS-Video auf der Plattform Taubenschlag und die Kontaktaufnahme mit dem größten Sozialverband, dem VdK Bayern, die zu einer Berichterstattung und einer Anzeigenschaltung führte. Keines der Netzwerk-Museen hätte sich das selbst leisten können, gemeinsam ist dies deutlich leichter. Unterstützt werden wir außerdem von der Landesstelle für die nichtstaatlichen Museen in Bayern.

Eine Szene draußen in einem Freilandmuseum. Ein Mann mit Mütze und einer gelben Armschleife ertastet mit geschlossenen Augen das Modell einer Brücke.
Tastführung – Foto: Linda Wolters

Viele Museen arbeiten mit begrenzten finanziellen Mitteln. Welche Möglichkeiten sehen Sie, auch mit kleinem Budget mehr Barrierefreiheit und Teilhabe zu schaffen und gibt es eine Maßnahme in Ihrem Museum/Ihrer Ausstellung, die überraschend einfach umzusetzen war, aber viel bewirkt hat?

L. Wolters: Barrierefreiheit beginnt oft im Kopf, nicht im Budget. Geschultes Personal, das sensibel und offen kommuniziert, kostet wenig – wirkt aber enorm. Leichte Sprache in Beschriftungen lässt sich schrittweise einführen, Taststationen aus vorhandenen Objekten zusammenstellen. Im Netzwerk hat sich gezeigt: Kooperationen mit Selbsthilfeorganisationen, Einrichtungen und Inklusionsbetrieben schaffen echte Teilhabe – meist ganz ohne etwas zu kosten. Die wirkungsvollste Maßnahme ist oft die einfachste – Menschen mit Behinderung frühzeitig zu fragen, was sie brauchen.

Eine Frau mit Blindenstock steht in einer Ausstellung vor einem hüfthohen Klotz, auf dem ein Relief abgebildet ist. Sie ertastet es mir ihren Händen.
Taststation – Foto: Bezirk Oberbayern

Welche Vorteile hat ein Museum davon, seine Angebote möglichst ohne Barrieren und für unterschiedliche Besuchergruppen zugänglich zu gestalten? Verändert sich dadurch auch das Publikum eines Museums? Gibt es Rückmeldungen von Besucherinnen und Besuchern, die Ihnen besonders in Erinnerung geblieben sind?

D. Mammel: Ein Museum ist heute weit mehr als ein Ort, an dem Kunstwerke oder historische Gegenstände ausgestellt werden. Es ist ein öffentlicher Raum für Bildung, Begegnung und kulturellen Austausch. Daran sollen und müssen möglichst alle Menschen teilhaben können. Auch die demografische Entwicklung unserer älter werden Gesellschaft ist ein sehr wichtiger Punkt, den es zu bedenken gilt. Deshalb hat das Thema Zugänglichkeit bzw. Barrierefreiheit für die Museen des Netzwerks eine sehr hohe Bedeutung.

C. Rolfs: Wir wollen zeigen, dass Kultur für alle da ist und nicht nur für eine bestimmte Gruppe von Menschen. Menschen, die sich zuvor vielleicht ausgeschlossen oder unsicher gefühlt haben, erhalten die Möglichkeit, kulturelle Angebote aktiv und möglichst selbstständig zu nutzen. Aber auch für viele andere Besuchende, z.B. Familien mit Kindern, ältere Menschen oder internationale Gäste werden Ausstellungen leichter erlebbar und verständlicher. Letztlich profitieren eben nicht nur Menschen mit Beeinträchtigungen, sondern alle Besuchenden. Ein Museum, das verständlich, offen und zugänglich gestaltet ist, schafft eine angenehmere Erfahrung für viele unterschiedliche Menschen.

L. Wolters: Wenn Zugänge erleichtert werden, wird die Zusammensetzung der Besuchenden vielfältiger. Menschen unterschiedlichen Alters, verschiedener kultureller Hintergründe und mit unterschiedlichen Bedürfnissen nehmen stärker am kulturellen Leben teil. Unsere Museen werden dadurch zu einem Ort der Begegnung und des Austauschs zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen.
Diese Entwicklung bringt auch neue Chancen mit sich. Ein vielfältigeres Publikum kann neue Perspektiven und Themen in die Museumsarbeit einbringen. Ausstellungen oder Vermittlungsprogramme werden lebendiger und aktueller, weil sie sich stärker an den Interessen vieler Menschen orientieren. Museen entwickeln sich dadurch zunehmend von klassischen, reinen Ausstellungsorten zu offenen kulturellen Treffpunkten.

C. Rolfs: Mich berührt immer ganz besonders, die Freude der Teilhabenden zu sehen, mitten im Geschehen sein zu können, dabei sein zu können, Neues zu entdecken. Sehr bereichernd sind auch die unterschiedlichen Aspekte und die neuen Sichtweisen, die eingebracht werden.

Station in einem Museum. Tastbares Relief eines Bildes und eines Stücks des Rahmens. Rechts daneben sind vier Duftzerstäuber mit Ballpumpe.
Tastbares Relief eines Gemäldes mit Duftzerstäubern an der Seite – Foto J.Kiefer ©MiK

Wenn ein Museum anfangen möchte, inklusiver und zugänglicher zu werden: Was wären aus Ihrer Sicht die ersten wichtigen Schritte? Mit wem sollten Museen dabei unbedingt zusammenarbeiten und welche Rolle spielen Menschen mit Behinderungen bei der Entwicklung solcher Angebote?

D. Mammel: Der Weg zu einem inklusiven und zugänglichen Museum beginnt nicht unbedingt mit großen Umbauten oder teurer Technik. Viel wichtiger ist zunächst die Haltung: Ein Museum muss bereit sein, alle Menschen als selbstverständlichen Teil seines Publikums zu sehen. Inklusion bedeutet dabei nicht, einzelne Sonderangebote für bestimmte Gruppen zu schaffen, sondern Kultur grundsätzlich so zugänglich wie möglich zu gestalten.

Ein erster wichtiger Schritt ist deshalb, die eigenen Angebote kritisch zu überprüfen. Wo entstehen Barrieren? Können Menschen mit Mobilitätseinschränkungen alle Bereiche erreichen? Sind Informationen verständlich formuliert? Gibt es Angebote für Menschen mit Seh- oder Hörbeeinträchtigungen? Auch digitale Angebote, Webseiten oder Ticketbuchungen sollten auf ihre Zugänglichkeit geprüft werden. Oft fallen Hindernisse erst auf, wenn man bewusst darauf achtet.

C. Rolfs: Ebenso wichtig ist die Sensibilisierung der Mitarbeitenden. Inklusion funktioniert nur dann gut, wenn das gesamte Team offen dafür ist und die Bedürfnisse unterschiedlicher Besuchendengruppen versteht. Schulungen zu Barrierefreiheit, Kommunikation und Vielfalt können helfen, Unsicherheiten abzubauen und einen respektvollen Umgang zu fördern. Besuchende sollen sich nicht nur technisch, sondern auch menschlich willkommen fühlen.
Besonders wichtig ist dabei die direkte Beteiligung von Menschen mit Beeinträchtigungen. Sie kennen die alltäglichen Herausforderungen am besten und können oft viel genauer beurteilen, welche Maßnahmen tatsächlich hilfreich sind. Deshalb sollten sie nicht nur nach ihrer Meinung gefragt werden, sondern aktiv an der Planung und Entwicklung beteiligt sein. Dieser Ansatz wird häufig mit dem Satz beschrieben: „Nicht über uns ohne uns.“
Menschen mit Beeinträchtigungen können beispielsweise Testbesuche durchführen, an Workshops teilnehmen oder selbst bei der Gestaltung von Führungen und Ausstellungen mitwirken. Ihre Erfahrungen sorgen dafür, dass Angebote nicht nur gut gemeint, sondern wirklich nutzbar sind. Gleichzeitig entsteht dadurch ein Museum, das verschiedene Perspektiven ernst nimmt und Vielfalt sichtbar macht.

L. Wolters: Ein weiterer wichtiger Schritt ist, Inklusion langfristig zu denken. Barrierefreiheit sollte kein einmaliges Projekt sein, sondern ein fester Bestandteil der Museumsarbeit werden. Dazu gehören regelmäßige Verbesserungen, offene Rückmeldemöglichkeiten und die Bereitschaft, aus Erfahrungen zu lernen. Gesellschaft und Technologien verändern sich ständig – deshalb muss ein inklusives Museum offen für Weiterentwicklung bleiben.
Es gibt allerdings auch keine einzige perfekte Lösung. Jedes Museum hat andere Möglichkeiten, Themen und Besuchendengruppen. Entscheidend ist vor allem die Bereitschaft, zuzuhören, Neues auszuprobieren und Menschen aktiv einzubeziehen. Genau dadurch entstehen innovative Konzepte, die Kultur für mehr Menschen öffnen können. Am besten einfach anfangen.

Können Sie ein Beispiel nennen, bei dem ein Museum besonders kreative Lösungen gefunden hat, um seine Angebote für mehr Menschen zugänglich zu machen?

Eine Szene in einem Ausstellungsraum. Im Vordergrund ist die Originalskulptur einer Frau aus Holz zu sehen. Im Hintergrund weiße Tastmodelle der Skulptur und zwei weitere Tasmodelle.
Tastmodell einer Originalskulptur aus Holz – Foto J.Kiefer ©MiK

D. Mammel: Unserer Meinung nach hat eigentlich jedes Museum in unserem Netzwerk gute und kreative Lösungen gefunden. Es geht dabei immer auch um die Verwirklichung unseres Mottos „einfach entdecken“.



Das Museum im Kulturspeicher in Würzburg bietet Tandemführungen in Verständlicher Sprache an. Diese Führungen werden von einem Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung gemeinsam mit einer Person aus dem Vermittlungsteam des Museums gehalten. Sie werden als öffentliche Führungen und als buchbare Gruppenführungen angeboten.

Die Galerie Bezirk Oberbayern in München produziert seit Corona inklusive Videos zu jeder Ausstellung. Die Entwicklung zusammen mit einer Museum Signerin, einer DGS-Dolmetscherin und den Künstlerinnen und Künstlern ist ein sehr kreativer und inklusiver Prozess. Die Videos erweitern die Ausstellung um Hintergrundinformationen und Barrierefreiheit und sind gleichzeitig ein sichtbares Statement für Inklusion und Gleichberechtigung.

Das Edwin Scharff-Museum in Neu-Ulm hatte in seinem Kindermuseum in der Mitmach-Ausstellung „was DU alles kannst“ eine vollständig aus Legosteinen gebaute Rollstuhl-Rampe integriert. Kinder konnten in dem Ausstellungsbereich, der Sorgearbeit zum Thema machte, Rollstühle ausprobieren und die bunte Rollstuhl-Rampe nutzen.

Das Stadtmuseum Deggendorf bietet in seiner Museumsapp Digitale Touren in Deutscher Gebärdensprache für gehörlose Besucherinnen und Besucher. Alle Inhalte werden dabei durchgehend in Gebärdensprache vermittelt und ermöglichen eine selbstbestimmte, barrierearme Erkundung der Ausstellung.

Im Freilichtmuseum Glentleiten in der Nähe von Murnau können seit 2025 Kinder mit einem Wheely Rider das Ensemble der historischen Tankstelle neu erfahren und eine andere Perspektive einnehmen. Das Museum erweitert damit den Themenschwerpunkt des Exponatgebäudes (Mobilität) um einen inklusiven Aspekt. Wheely Rider ist als Rollstuhl konstruiert, zu dessen Fortbewegung und Lenkung die Kinder die Kraft aus Händen, Armen und Oberkörper benötigen. Die Kids trainieren mit Spaß Koordination und Körperbeherrschung und entwickeln spielerisch ein besseres Verständnis für Menschen, die zur eigenen Fortbewegung auf einen Rollstuhl angewiesen sind.

Das Fränkische Freilandmuseum Fladungen hat vielfältige Mitmachstationen im Museumsgelände, die allen Gästen jederzeit offenstehen. Anhand von 360°-Rundgängen auf der Plattform Google Arts & Culture kann man einen guten Einblick erhalten, auch wenn man das Museums selbst nicht besuchen kann. Zusätzlich ist ein umfangreicher und natürlich kostenloser Audio- und Mediaguide in Deutsch, Englisch, Deutscher Gebärdensprache, Leichter Sprache und mit Audiodeskriptionen verfügbar.

Die Kustvermittlerin und Museum Signerin Birgit Fehn steht links und gebärdet über ein Kunstwerk, das rechts von ihr eingeblendet wird. Im oberen rechten Rand ist das Logo des Bezirks Oberbayern zu sehen.
Screenshot eines Videos mit Gebärdensprache © Bezirk Oberbayern

Wo stoßen Museen bei der Umsetzung von Barrierefreiheit noch an ihre Grenzen und was würden Sie sich von Politik oder Fördergebern wünschen, um Museen auf diesem Weg besser zu unterstützen?

L. Wolters: Trotz großem Engagement stoßen wir an strukturelle Grenzen: selbst gut ausgestattete Häuser kämpfen mit der Komplexität wirklich inklusiver Vermittlung – von Audiodeskription über Leichte Sprache bis zu taktilen Angeboten.
Besonders besorgniserregend ist, dass Barrierefreiheit politisch zunehmend unter Druck gerät: Sparmaßnahmen gefährden Errungenschaften der UN-Behindertenrechtskonvention und Förderprogramme werden gekürzt oder unsicherer. Wir wünschen uns ein klares politisches Bekenntnis: Inklusion als Daueraufgabe, nicht als Projektförderung. Strukturelle Mittel statt Einzelanträge – damit Museen aller Größen Barrierefreiheit nachhaltig leben können.

Wie stellen Sie sich das Museum der Zukunft vor – wenn es wirklich für alle Menschen offen sein soll? Wo stehen Museen beim Thema Inklusion heute – und wo müssten sie eigentlich schon sein? Welche Entwicklungen sehen Sie in den nächsten fünf bis zehn Jahren?

L. Wolters: Das Museum der Zukunft ist kein Ort, der Barrierefreiheit nachträglich ergänzt – es denkt Inklusion von Anfang an mit: in der Architektur, der Vermittlung, der Personalstruktur. Heute sind viele Museen engagiert, aber noch zu oft im Ausnahmemodus: Inklusion als Sonderprojekt statt Selbstverständlichkeit. Diese Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit müssen wir schließen. In den nächsten Jahren werden digitale Zugänge und partizipative Ausstellungsentwicklung mit Menschen mit Behinderung den Standard hoffentlich weiter verbessern. Entscheidend bleibt der Haltungswandel: weg von Fürsorge, hin zu echter Teilhabe.

Zwei Personen stehen im Freilichtmuseum vor einem taktil erfahrbaren Übersichtsplan und eine Person hält ein Handy in der Hand.
Tastplan im Freilandmuseum – Foto: Patricia Linsenmeier

Vielen lieben Dank an Christiane Rolfs, Linda Wolters und Dorothee Mammel vom Netzwerk „Museen inklusive!“. www.museen-inklusive.bayern

Das Interview wurde geführt von Daniela Fontes von der Gebärdenschmiede.

www.gebaerdenschmiede.de

23. Juli 2026

Erkunden sie unsere weiteren